Trigger, Trigger, Trigger – Paare am Limit

Triggerwarnungen sind in Texten und Internetforen total wichtig. Doch auch hochproblematische Paare und Eltern könnten von diesem Prinzip enorm profitieren. Wenn sie nur wüssten und verstünden, welcher Film in ihren Konflikten abläuft. Chronifizieren sich nämlich symmetrische Eskalationen können Partner wechselseitig zum Trigger von Ärger, Wut, Enttäuschung und Aggression werden. Das erinnert in seiner Heftigkeit an PTBS-Symptome. Schon die bloße Anwesenheit des einen, seine Visage, seine Stimme, sein Sprechen können Lawinen von Anfeindungen, Vorwürfen und Angriffen lostreten. Kontrollverlust und Dauertotaleskalation Vice Versa. Wie zwei ineinander verbissene Hunde, die man trennt, wird sofort wieder blutrünstig und geifernd aufeinander losgegangen, sobald die Partner einander erblicken. Dann helfen erstmal nur Zwinger (Trennwände), damit man einander aushalten kann, ohne zu eskalieren. Und wenn noch ein Fünkchen Liebe übrig ist, dann kann man an Vereinbarungen erarbeiten und Triggerwarnungen etablieren, um sich gegenseitig aus der Schusslinie zu nehmen. Wenn das noch gewollt ist, weil man sich liebt. Meistens ist alles schon zu spät.
#Triggerwarning #PaareamLimit
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Das Sozialamt soll wieder Deutsche Heimat werden. Anlässlich der feierlichen Vereidigung von Horst Seehofer zum Heimatminister.

Heute der erste Besuch im Sozialamt. Ich dachte immer das Jobcenter, z.B. in Neukölln sei schon heftig, mit all diesen Dramen von Menschen am Existenzlimit. Aber das Sozialamt ist zweifellos ein noch trostloserer Ort. Überall Kranke und Alte, Kranke und Alte, Kranke und Alte, mit und ohne Migrationshintergrund. Eine explosive Mischung, deren Zündschnur das Hauen und Stechen, Gedränge und Gekeife vor den Büros der Sachbearbeiter während der Sprechzeiten ist; Sachbearbeitern, die wegen Personalmangel feste Zuständigkeiten aufgehoben haben und Fallakten täglich rotieren lassen.
Die Folge also: Menschen am Limit. Und dann wirds schnell braun. Ich saß keine Minute da als eine diplomierte Sozialpädagogin plötzlich anfing über mich zu reden. Sie hielt mich für den Sohn meiner Klientin und damit für einen Ausländer. Und so zeterte sie, dass das alles nicht gehe mit den Ausländern, die zwei neue Telefone haben (ich mit Dienst- und Privathandy) und das Geld hinterhergeworfen bekämen. Auf meinen höflichen Hinweis, dass sie mich fälschlich anklage und das ihre Art generell unverschämt sei, erklärte sie, dass sie als Flüchtlingshelferin in Kambodscha, Indien und Deutschland gearbeitet habe, dass sie eine Menschenfreundin sei und sich auskenne. In Deutschland aber gehe das alles nicht mehr mit rechten Dingen zu. Sie fühlte sich im Recht, so wie die anderen auch. Deutsche am Limit. Und dann wirds halt schnell braun, überall auf dem Flur. In 30 Minuten hörte ich das Argument, „Den Ausländern werde alles in den Arsch geschoben“, insgesamt fünf mal. Nein, nicht leise dem Nachbarn ins Ohr flüsternd, sondern lautstark über den Flur sprechend. Die Krönung aber war ein großgewachsener Mann, Mitte 60, mit grauer Glatze. Ungefragt fing er an zu erzählen: „Seehofer wird endlich aufräumen.“ Ich hätte nicht fragen sollen, was er meint, aber ich fragte. Und so antwortete er: „Massenabschiebungen. Endlich kommen Massenabschiebungen“. Na dann. Wenn das die Rettung sein soll.

Also Horst, mach doch bitte, bitte, bitte, dass die Schlangen in den Sozialämtern wieder kürzer werden. Am Besten auch an den Tafeln. Wozu haben wir denn dieses tolle Heimatministerium. Das Sozilamt muss wieder zur Deutschen Heimat werden. Ganz klar. Dann können sich die armen Deutschen noch ein bisschen länger darüber täuschen, dass im aktivierenden Sozialstaat irgendjemand irgendetwas einfach so hinterhergeworfen wird. Dann können sie weiterhin übersehen, dass alle, ob deutsch, halb-, viertel-, achtel, sechszehntel-deutsch, die gleichen Anträge stellen müssen und durch Personalmangel in den Ämtern bedingte Falschbescheide sowie teilweise verbreitete Willkür und Ignoranz permanent in Existenzkrisen gestürzt werden. Aber gut, vielleicht geht es den armen Deutschen ja wirklich etwas besser, wenn sie nur untereinander um das Überleben kämpfen.

Das es einfach für alle Armen mehr und auf einfacherem Wege mehr geben sollte, das ist natürlich undenkbar in diesem unfassbar reichen Land, dessen Reichtums- und Einkommensschere trotz des ewigen Aufschwungs einfach nicht merkelich abnehmen will. Im Überlebenshabitus sagt die Solidarität adieu. Vielleicht. Aber wenigstens nicht die Höflichkeit. Und so zeigte sich ganz unerwartet zwischen all der Ruppigkeit eine respektvolle ältere Dame voller Anstand. Wie ein Blümchen stach sie aus dem drängelnden Unkraut, das auch ich wurde (natürlich nur unter Zeitdruck und professionellen Zielen, also professionelles Unkraut sozusagen), hervor. Sie war dran, drängte jedoch nicht ins Büro. Sie wartete ganz ruhig und sagte: „Ach, wissen Sie, ich bin zum ersten Mal da und habe jetzt so lange gewartet. Ich will den armen Sachbearbeitern doch nicht noch mehr Druck und Ärger machen. Die tun sicher, was sie können.“ Immerhin. Und das Schöne ist, sie hat ja recht. Mehr Geld für alle, mehr Lohn und Personal in den Ämtern und Vereinfachung dieser ewig komplizierten, fehleranfälligen Bedarfsberechnungen. Schön wär’s.

#Sozialamt #Menschenamlimitwerdenbraun
#BlümchenzwischenUnkraut

Tatort und die Würde des Subjekts nach Luhmann

„Je deutlicher man die Eigenart von Kommunikation als Modus der Herstellung von Einheit erkennt, desto zwingender wird eine systemtheoretische Trennung von Bewusstseinssystemen und kommunikativen Systemen. Zwischen Bewusstsein und Kommunikation gibt es natürlich tiefgreifende Abhängigkeiten. Dies sind aber nur, wenn man so sagen darf, ökologische Beziehungen. Der Fortgang von Gedanke zu Gedanken und der Fortgang von Kommunikation zu Kommunikation laufen nicht im selben System ab. Die Anschlussfähigkeit ist ganz unterschiedlich geregelt. Das, was man Subjekt nennt, kann nie Teil des sozialen Systems sein. Und ist nicht gerade diese Exklusion der Stolz des Subjekts gewesen, auch wenn es mit sich selbst unzufrieden ist, sich dauernd über Entfremdung beklagt und sich durch Kritik seiner eigenen Vernunft zensiert?“ (Luhmann 1986: 170)

In Niklas Luhmanns Systemtheorie ist die operative Geschlossenheit selbstreferenzieller Systeme des Lebens, der Kommunikation und des Bewusstseins ein zentrales Theorem. Die Tatort-Folge „Der sanfte Tod“ (Erstausstrahlung 07.12.14) enthält einen bemerkenswerten Dialog zwischen Hauptkommissarin Lindholm und der unerfahrenen Kommissarin Bär, der die operative Autonomie sozialer und psychischer Systeme, deren strukturelle Kopplungsmechanismen und ihren Einfluss auf Kommunikationsverläufe exemplifiziert. Lindholm und Bär versuchen sich über die Glaubwürdigkeit des Wurstmagnaten Landmann zu verständigen. Es kommt jedoch zu kommunikativen Irritationen, die zur Thematisierung der Bedingungen von Kommunikation führen.

Der ausführliche Dialog, während die beiden nebeneinander herlaufen:

Lindholm: „Beim ersten Anschlag war alles angeblich unbewacht und heute landet der     Wagen im Graben und Zack ist die Leibgarde da. Was glauben Sie? Konnte vor dem Anschlag immer jeder ungehindert auf’s Grundstück kommen?  Oder hatte die Wache nur gestern frei?“
Bär: (Schweigt und sieht weg)
Lindholm: „Was denken Sie gerade?“
Bär: (Schweigt und sieht weg)
Lindholm: „Denken Sie überhaupt etwas?“
Bär: (Bleibt stehen und dreht sich zu Lindholm) „Moment! Wenn man nichts sagt, heißt das nicht, dass man nichts denkt. Und keiner muss sagen, was er denkt, wenn es keiner hören will und jeder einen sowieso für eine Witzfigur hält.“

Kommissarin Bär weist Kommissarin Lindholm darauf hin, dass sie darin irrt, von Nicht-Sprechen auf Nicht-Denken zu schließen. Damit beruft sie sich auf das voneinander unabhängige Operieren von Bewusstseinssystem und Kommunikation. Das Bewusstseinssystem ist an Kommunikation beteiligt, aber es ist nicht damit kongruent. Das Denken ist für das Sprechen Umwelt und die soziale Interaktion ist für das Bewusstseinssystem Umwelt. Die Abfolge der Gedanken und der Verlauf der Kommunikation laufen auf unterschiedlichen Kanälen jeweils autonom ab. Menschen sind als denkende Wesen in der Lage zu spreche bzw. zuzuhören und gleichzeitig ihr Sprechen denkend zu beobachten oder gar an etwas Anderes zu denken. Das erleben wir jeden Tag in der Kommunikation. Während wir mit anderen kommunizieren, sind wir innerlich mit unterschiedlicher Dauer immer wieder mit etwas anderem beschäftigt (an den Einkauf abend denken, Müdigkeit fühlen usw.). „Die Menschen denken mit ihren eigenen Köpfen und sind ständig mit irgendwelchen Themen beschäftigt“, hat Niklas Luhmann einmal gesagt. Dies macht Kommissarin Bär in ihrer ersten Erwiderung geltend. Sie sagt im Prinzip: „Ich spreche nicht. Aber von meinen Gedanken wissen sie trotzdem nichts.“

In der sozialen Kommunikation kommen Personen in der Regel ohne die explizite Thematisierung und Erfragung der Gedanken aus. Dabei ist es hilfreich, dass maximale Aufmerksamkeit als Gesprächspartner nicht immer gefordert ist oder der Sprechende so mit dem Sprechen beschäftigt ist, dass er leichtes Abschweifen seines Zuhörers nicht bemerkt oder es toleriert. Es soll auch sprechende Menschen, denen egal ist, ob ihr Gesprächspartner zuhört. Erst wenn es zu schwerwiegenden Irritationen in der Kommunikation kommt, wird auf Gedanken verrechnet. „Woran denkst Du?“ oder „Wo bist Du?“, wird dann häufig gefragt. Hier wird das Denken zum Thema der Kommunikation, weil das unsichtbare Oszillieren der Personen zwischen Sprechen und Denken stockt und die soziale Interaktion nach Störungsbehebung drängt. Entweder werden die störenden Gedanken eines Beteiligten als neues Thema in die soziale Kommunikation eingeführt oder die Gesprächsteilnehmer versichern sich kommunikativ, dass man einander zuhört und blendet anderes aus.

Im Falle des angesprochenen Dialogs erklärt Kommissarin Bär der Kollegin ihr vorheriges Schweigen. Sie sagt: „Und keiner muss sagen, was er denkt, wenn es keiner hören will und jeder einen sowieso für eine Witzfigur hält.“ Die Kommissarin fertigt hiermit eine Beschreibung über ihren Eindruck davon an, wie Mitmenschen sie als Person erleben und bewerten. Kommissarin Bär teilt mit, dass sie glaubt, dass andere Menschen ihre Gedanken uninteressant finden und sie nicht ernst nehmen. Diese Äußerungen liefern mittels Kommunikation Anhaltspunkte (!) über das Selbstkonzept (Bewusstsein) von Kommissarin Bär sowie über die Kriterien mit denen sie innerlich Sprechen und Nicht-Sprechen in konkreten Situationen prämiert. Die Frage von Kommissarin Lindholm „Denken Sie überhaupt etwas?“ ist zweiffelos eine Provokation. Bär könnte jedoch sachlich sagen: „Selbstverständlich. Ich glaube nur nicht, dass sie es hören wollen.“ Stattdessen lässt sie wissen, dass sie glaubt, dass Kommissarin Bär wie alle anderen sie geringschätze („Witzfigur“) und ihre Gedanken nicht hören wolle (Desinteresse) und dass sie unter diesen Voraussetzungen vorziehe, nicht zu sprechen. Die Erklärungen von Kommissarin Bär sind kommunikative Selbstbeschreibungen intrapsychischer Sichtweisen und Motivationen. Sie sind jedoch nicht das Innere der Kommissarin selbst.

Der Dialog exemplifiziert wie Kommunikation Einfluss auf die Selbstwahrnehmung und Überzeugungen von Individuen nehmen kann, während persönliche Überzeugungen und die antizipierte Fremdwahrnehmung Themen, Form und Verlauf von Kommunikation beeinflussen können. Trotz dieser wechselseitigen Beeinflussung, vollzieht sich der soziale Kontakt zwischen Interaktionsteilnehmern ausschließlich mittels verbaler und nonverbaler Kommunikation, während die Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und Wahrnehmungen im Inneren der Beteiligten prozessiert werden. Gerade auf der Grundlage dieser operativen Getrenntheit von Kommunikation und Bewusstsein vermag sich Kommissarin Bär gegenüber der konkreten Herabsetzsetzung durch ihre Kollegin (und anderen möglichen Erniedrigungen) als autonomes, denkendes Individuum zu behaupten und ihre Würde zu bewahren. Und zwar unabhängig davon, ob sie sich ihrer eigenständigen Gedanken rein innerlich vergewissert oder diese im Film kommuniziert.

Bei stark institutionalisierten sozialen Interaktionen, wie etwa beim Bezahlen an der Supermarktkasse, ist der Einfluss des Bewusstseins auf die Kommunikation sicherlich weniger relevant. Je persönlicher und intimer Beziehungen und entsprechend Kommunikation jedoch sind, desto stärker ist das Bewusstsein (Gefühle, Gedanken, Körperempfinden, Überzeugungen, Selbstkonzept) der Beteiligten in die Kommunikation eingebunden. Der Dialog zwischen Lindholm und Bär selbst nimmt eine überraschende Wende und endet mit maximaler Irritation:

Lindholm: „Ich halte Sie nicht dafür. Also was denken Sie?“
Bär: „Es gibt keine Realität, das denke ich.“

Es wäre sehr spannend, den weiteren Kommunikationsverlauf zu verfolgen. Je nach Kontext hält man eine solche Aussage für interessant (Wissenschaft), verrückt (Psychiatrie) oder provokativ (Kirche). Hielte man die Aussage einfach für falsch, wäre man vielleicht geneigt zu erwidern: „Was reden sie da. Natürlich gibt es eine Realität. Sehen sie sich nur um.“ Aber selbst wenn Kommissarin Bär ihren Irrtum einsähe und kommunikativ zugäbe, würden dabei Bewusstsein und Kommunikation niemals zur Deckung gelangen. Und zwar wegen der „Bewusstseinslage eines Subjekts, das in sich selbst die Möglichkeit sieht, anderer Meinung zu sein, aber dies nicht für sich selbst und für andere kommunizieren kann.“ (Luhmann 1986: 166)

 

Literatur

Luhmann, Niklas (1986/2008): Intersubjektivität oder Kommunikation: Unterschiedliche Ausgangspunkte soziologischer Theoriebildung. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Wiesbaden, S. 162-179

Wenn der Hund bellt – Kontingenz vs. Notwendigkeit

In Lydia Davis‘ Geschichtenband „Reise über die stille Seite“ gibt der Aphorismus „Kontingenz (versus Notwendigkeit)“ eine kurze, eindrückliche Lektion zum dynamischen Verhältnis von Kontingenz und Konsequenz:

„Es könnte unser Hund sein.
Aber es ist nicht unser Hund.
Also bellt er uns an.“

Wir machen hier, was wir wollen – Fußballfans im öffentlichen Raum

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt unterscheidet analytisch zwischen Macht und Gewalt. Gewalt zeichne sich durch die Durchsetzung von Herrschaft mit physischen Mitteln aus. Macht entstehe dagegen, wenn Menschen sich zusammenschließen und miteinander handeln. Diese Unterscheidung ist nicht nur für die Fundierung politischer Strukturen und Institutionen relevant. Die Wirkung von Macht durch Gruppenhandeln kann auch in alltäglichen Situationen beobachtet werden, wenn Gruppen sich öffentliche Orte aneignen und dabei soziale und gesetzlich fundierte Regeln selbstverständlich außer Kraft setzen. Dies kann etwa am Auftreten von Fußballfangruppen in Zügen studiert werden. Fans sind die Seele des Fußballs. Im Stadion machen Fußballfans ein bloßes Ballspiel zu einem Massenspektakel mit Gänsehauteffekt. Im Zug treten sie dagegen als machtvolle Gruppe auf, die geltende Normen im öffentlichen Raum aushebelt und andere Normen geltend macht.

Zunächst fallen Fußballfans im Zug als Gruppe auf, die an äußeren Gemeinsamkeiten wie Schals, Trikot und Mützen identifiziert werden kann. Innerhalb der Gesamtgruppe werden schnell Unterschiede zwischen Kleingruppen offenbar. Während die meisten Fans wie die übrigen Fahrgäste gar nicht oder in Gesprächslautstärke miteinander kommunizieren, singen, klatschen und stampfen andere zu Vereinsfangesängen. Hier zeigt sich, wie unter dem wechselseitigen Einfluss von Alkoholkonsum und Gruppendynamik die sonst im öffentlichen Raum geltende Rücksicht gegenüber anderen übergangen wird. Obwohl möglich, erscheinen Interventionen gegenüber diesem dynamischen Verhalten wenig aussichtsreich. Die übrigen Anwesenden, andere Fahrgäste und ruhigere Fanmitstreiter, akzeptieren zähneknirschend oder mit verdrehenden Augen die viel zu lauten, meist männlichen Fanindividuen.

Die Dynamik der Selbstermächtigung produziert schließlich weitere Regelübertritte. Einzelne Personen beginnen dann rechtlich fundierte Regeln, wie bspw. das Rauchverbot zu übergehen. Zu diesem Zeitpunkt gäbe es noch die Möglichkeit der Intervention durch Anwesende, da Regelübertreter noch einzelne Ausnahmen sind. Appelle, das Rauchen im Zug wenigstens jetzt noch einzustellen, wären natürlich erfolgsversprechender, kämen sie von anderen Fans. Doch auch hier fühlen sich die ruhigen Fanmitstreiter genausowenig berufen wie die übrigen Fahrgäste an die Einhaltung des Rauchverbots zu erinnern. Man will das Gesicht wahren, das eigene und das des Regelübertreters und einen Konflikt vermeiden.

Was mit gröhlend, hüpfenden Kleingruppen auf der Hinfahrt begann, entfaltet auf der Rückfahrt seine maximale Dynamik. Die rauchenden Einzeltäter waren Vorboten jener Aneignung des öffentlichen Raums, die auf der Rückfahrt in der Durchsetzung einer maximalen Deutungshoheit über den Zug gipfelt. Jetzt rauchen alle Raucher und der Zug gleicht einem Partyschlachtfeld, das einen beißenden Bierduft verströmt. In einigen Bereichen haben sich die Kleingruppen in Horden verwandelt, die völlig unverständliche, liederähnliche Laute gröhlend von sich geben oder sich versuchen mittels etwas zu verständigen, was an menschliche Sprache erinnert. Wer genauer hinhört, kann dabei Fetzen sexistischer Sprüche und frauenfeindlicher Witze erhaschen. Andere Teile der Fans präsentieren sich dagegen als Lazarett, dessen Mitglieder wahlweise friedlich schlummern und dabei bisweilen furzen oder kotzend in einer Ecke des Zuges sitzen.

Der Fahrgast, der in dieser Situation den Zug betritt, hat jedenfalls nichts zu melden. Mit einem mulmigen Gefühl muss er die Fahrt durchstehen. Auf die Wiederherstellung der Regelhaftigkeit im öffentlichen Raum kann er nicht hoffen. Die wäre nur durch das Gewaltmonopol des Staates zu realisieren. Doch die Polizei lässt die Fans in ihrer situativen Macht gewähren. Man will deeskalierend wirken. Bestenfalls wird polizeiliche Präsenz gezeigt, um Schlimmeres zu verhindern. Die Polizisten lassen den Sturm der Gruppenselbstermächtigung vorüberziehen und den Spott „Hoho, di Poliz is auc endl da“ über sich ergehen. Am nächsten Tag ist ja alles vorbei. Bis zum nächsten Fußballwochenende.

Der arme Fahrgast jedoch wird für sein mulmiges Gefühl durchaus entschädigt. Wo allenthalben das Ende des Mannseins beklagt wird, präsentiert sich die Männlichkeit als Fanhorde und Fanlazarett in ihrer edelsten Reinheit und tragischsten Form zugleich.

Die Gedanken sind frei, bitte lasst uns reden.

In einem sehenswerten Videobeitrag von Doccupy schildern verschiedene Politikerinnen ihre Erfahrungen zur Rolle ihres Geschlechts im politischen Arbeitsalltag des Bundestages. Gestandene Berufspolitikerinnnen wie Katja Kipping berichten darin, wie männliche Kollegen Argumente mit Schmeicheleien über Ohrringe kommentieren, von der kompetenten, gut aussehen Fraktionsvorsitzenden sprechen oder Kolleginnen einen Platz im Ausschuss für Soziales wegen ihrer Mutterrolle vorschlagen. Die Berichte sind als anschauliche Beispiele für die Subtilität und vermeintliche Harmlosigkeit sexistischer Kommentare instruktiv.

Leider enthalten die Berichte der Politikerinnen keine Informationen zu ihren Reaktionsweisen. Das ist schade, denn die kommunikative Reaktion ist ein wichtiges Werkzeug, um Veränderung und Umdenken wirksam zu befördern. Damit soll nicht gesagt werden, dass die Aufgabe des konstruktiven Umgangs mit sexistischen Kommentaren nun ausgerechnet den Frauen zukomme. Auch anwesende Dritte könnten wirksam intervenieren. Es stellt sich jedoch die Frage, welche Art von Interventionen unter welchen Bedingungen sinnvoll wäre.

Die aktuelle Sexismusdebatte liefert hier wenig bis keine Anhaltspunkte. In bestimmten Teilen der Debatte lässt sich vielmehr eine gewisse Tendenz beobachten, aus Taten schnell Täter zu machen oder eine generelle sexistische Gesinnung zu unterstellen und das Label Sexist zu vergeben. Wie wenig sinnvoll gesprochen und diskutiert wird, lässt sich auch daran ablesen, dass potentielle Täter (Täter qua Geschlecht) beginnen, sich sogar selbst zu überführen. Ein Beispiel hierfür sind die Berichte männlicher Redakteure der Taz über fehlende Courage oder tatsächliche Verfehlungen, die letztlich nicht mehr als gutgemeinte Bekenntnisse sind. Es ist nichts dagegen einzuwenden, ja es ist grundsätzlich zu begrüßen, wenn sich Männer in der Rückschau qua Reflexion sensibilisieren. Es wird jedoch völlig absurd, wenn sich ein Redakteur für das rein innerliche sexuelle Begehren einer lesbischen Frau, die dieses nicht erwiderte, schämt. Denn das fördert einfach keine Verständigung.

Die Gedanken sind frei, bitte lasst uns reden

Verständigung kann nur dort entstehen, wo sich Beteiligte über gemeinsam erlebte Situationen austauschen. Statt jedoch miteinander zu reden, werden Gedanken verboten, ja klagen sich Personen für ihre Gedanken an. Problematisch ist daran, dass sich der Fokus von sexistischen Praktiken und dem Umgang mit ihnen, potentiell zur vermeintlichen Gesinnung männlicher Akteure verschiebt. Nicht nur, dass die Gesinnung einer Person niemals einer zweifelsfreien Prüfung unterzogen werden kann. Vielmehr werden nur mehr Sexisten entdeckt und angeprangert, statt wirksame Interventionen zu diskutieren. Seit Rainer Brüderle sind Skandalisierung und öffentliche Thematisierung die verbreitesten Mittel in der Sexismusdebatte. Skandalisierung und öffentliche Erfahrungsberichte sind sehr wichtige politische Strategien, um Sexismus in seinen vielfältigen Facetten als gesellschaftliches Problem zu markieren und zu thematisieren. Als Kommunikationspraktiken für Betroffene und beteiligte Dritte taugen sie jedoch nicht.

Kommunikationspraktische Interventionen

Welche Möglichkeiten der kommunikationspraktischen Intervention gegenüber einem sexistischen Kommentar gäbe es denn? Die Familientherapeutin Virginia Satir hat vier typische Kommunikationsmuster unterschieden, mittels derer Probleme artikuliert werden (Satir 1990: S. 115 ff.)

  • Anklagen bedeutet, bei jemand anderem die Schuld zu suchen.
  • Relativieren heißt, die Ursache des Problems bei sich selbst zu suchen.
  • Rationalisieren adressiert die Ursache des Problems bei den Umständen.
  • Ausweichen artikuliert sich im Ignorieren und Ablenken vom Problem.

Satir analysiert in ihrem Buch „The New Peoplemaking“ diese Kommunikationsmuster im Hinblick auf innere Dialoge und ihren Zusammenhang mit dem Selbstwert einer Person. Diese Kommunikationsmuster werden im Folgenden als äußere Reaktionsweisen betrachtet und die möglichen kommunikativen Anschlüsse untersucht, die sie nahelegen. Denn die Reaktion auf einen sexistischen Kommentar, fördert oder verhindert eine Korrektur des Sprechers, regt zum Nachdenken an oder mündet in Abwehr.

In Anlehnung an eine Schilderung von Katja Kipping wird folgende Situation konstruiert. In einem Arbeitsgespräch mit einem männlichen Kollegen entwickelt eine Frau ein Argument. Als Reaktion komplimentiert der Kollege die hübsche Bewegung der Ohrringe der Frau während ihrer Schilderung. Wie könnte sie darauf reagieren? Sie könnte seinen Kommentar als sexistisch anklagen oder ihn gar als Sexist beschuldigen. Sie könnte seine Aussagen relativieren, in dem sie sich selbst für ihr unnötig weibliches Auftreten beschuldigt. Sie könnte sein Verhalten als „Kenn ich schon. Machen die alle.“ rationalisieren. Sie könnte ablenken, in dem sie so tut als sei der Kommentar kein Problem für sie.

Entschlösse sich die Frau, das Thema anzusprechen, produzierte sie eine potentiell krisenhafte Situation mit ihrem Gesprächspartner. In direkter Interaktion gelten dabei besondere Bedingungen, nämlich die wechselseitige Geltung von Selbstachtung und Zurückhaltung (Goffmann 1986). Es muss nämlich eine Kommunikationsform gewählt werden, die es ermöglicht, das beide ihr Gesicht bewahren können. Dies entscheidet wesentlich darüber, inwiefern sich der männliche Gesprachpartner offen gegenüber dem Anliegen der Frau zeigt. Das ist wichtig, denn Verständigungs- und Lernbereitschaft von Gesprächspartnern kann nicht einfach erwartet oder unterstellt werden, sie muss kommunikativ hergestellt werden. Dies ist eine große Kunst. Virginia Satir formuliert dies, in etwas pathetischer Weise, so:

„Ich pflege meinen Studenten zu sagen, sie seien dann am Ziel ihrer Bemühungen angelangt, wenn sie in der Lage seien, jemandem ohne Umschweife und auf eine Weise zu sagen, er habe einen üblen Geruch, dass der Betroffene das Gefühl hat, man habe ihm ein Geschenk gemacht.“ (S. 111)

Wie also könnte die Frau in unserem Beispiel reagieren, um dem Mann seinen üblen sexistischen Geruch als Geschenk zu vermitteln. Sie könnte, unter der Voraussetzung eines gewissen Wohlwollens für diesen Kollegen, etwa sagen: „Normalerweise freue ich mich über Komplimente. Ich finde es in dieser Situation gerade jedoch sehr unpassend und fühle mich mit meinem Argument nicht ernstgenommen. Sagen Sie doch bitte etwas zu meinem Argument.“ Ich bin sicher, dass die Chancen nicht schlecht stehen, dass sich der Kollege entschuldigt und zur Sache zurückkommt. Er erhält damit die Gelegenheit sich zu korrigieren und die interaktive Entgrenzung wird überwunden.

Es ist völlig klar, dass die gewählte Reaktion in einer konkreten Situation von der Interaktionsgeschichte mit dem Gesprächspartner als auch den generellen Erfahrungen mit sexistischen Kommentaren bestimmt werden. Wer ständig mit sexistischen Kommentaren konfrontiert ist, hat u.U. keine Lust mehr, diese zu parieren oder er hat gar das Vertrauen in die Lernbereitschaft von männlichen Gesprächspartnern verloren. Hier landet man schließlich doch bei dem von Virginia Satir untersuchten Zusammenhang von äußeren und inneren Kommunikationsmustern. Welches kommunikative Ziel ein Sprecher mit seiner Reaktion auf einen sexistischen Kommentar anstrebt, hängt entscheidend von seinen Wünschen, Bedürfnissen und inneren Dialogen ab.

Wo im Bereich des Möglichen, ist die beispielhafte Rückkehr zur Sache jedoch erstrebenswert. Sie ermöglicht eine Korrektur der entgrenzten Interaktion und enthält für den Gesprachspartner eine implizite Einladung zum Nachdenken und Lernen. Eine solche Strategie ist auch für kleine, wirkungsvolle Interventionen durch anwesende Dritte in entsprechenden Gruppensituationen nutzbar. Natürlich erfordert dies eine Prise Mut und es bleibt ein Risiko, das die Interaktion eskaliert. Will man jedoch richtig miteinander reden, sollte man seinem Gesprächspartner sachliche Kritik zumuten. Man könnte dabei auch positiv überrascht werden.

Mit Ambivalenztoleranz geht’s einfacher

Machen wir uns jedoch nichts vor. Die vermeintliche Dummheit der Meinungen einzelner Menschen, die uns immer wieder mal begegnet, sind eine enorme Zumutung und zumeist das größte Hindernis für eine Verständigung in strittigen Themen. Mit sechszehn Jahren war ich überzeugt, dass Frauen dümmer seien, nicht einparken können und schlechter Karten lesen. Eine sehr gute Freundin stritt mit mir darüber und kritisierte mich heftig. Immerhin hatte ich eine Freundin, die beharrlich Widerspruch äußerte und versuchte, mir zu recht die Leviten zu lesen. Ich blieb in dieser Sache stur und sie trotzdem eine Freundin. Ihre Ambivalenztoleranz in jungen Jahren war beachtlich. Möglicherweise wäre es wirkungsvoller gewesen, mir die kränkenden Aspekte meiner sexistischen Überzeugungen deutlich vor Augen zu führen. Dann hätte ich sie vielleicht schneller verstanden. Wir waren noch jung. Man kommt letztlich ja doch ans Ziel und lernt, Dinge anders zu sehen. Es dauert nur länger. Heute weiß ich längst, dass meine Ansichten grober Unfug und eine Zumutung für diese Freundin waren.

Eine ganze andere Angelegenheit sind Vergewaltigungen und andere körperliche Übergriffe auf Frauen. Harvey Weinstein gehört lange, lange ins Gefängnis oder ihm gehören die Eier abgeschnitten. Die Entscheidung darüber ist eine Frage der Rechts- und Gerechtigkeitsauffassung und eine Geschmacksfrage. Das ist wiederum eine andere komplizierte Sache…

 

Literatur

Goffman, Erving (1986): Interaktionsrituale. Frankfurt.

Satir, Virginia (1994): Kommunikation – Selbstwert – Kongruenz. Konzepte und Perspektiven familientherapeutischer Praxis. Paderborn.

 

 

Ich sehe was, was du nicht siehst – Fachkräftepotenziale von Langzeitarbeitslosen

In einem Interview vor wenigen Tagen hat der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeber (BDA), Ingo Kramer, die Sicherung des steigenden Fachkräftebedarfs in Deutschland als zentrale gesellschaftliche Herausforderung in den nächsten Jahren hervorgehoben. Er warb in diesem Zusammenhang für die gezielte Ausweitung der Einwanderung von Fachkräften und Menschen mit Fachkräftepotenzial. Nun ist gegen Einwanderung zur Fachkräftesicherung nichts einzuwenden und sie geschieht ja längst in großem Umfang. In der Altenpflege, im Baugewerbe oder in Krankenhäusern sind sehr viele Migranten tätig und tragen teilweise entscheidend zur Stabilisierung des Betriebs in diesen Branchen bei, weil Fachkräfte fehlen. Zugleich gibt es mit 2,5 Mio. bzw. 3 Mio. Arbeitslosen in Deutschland ein riesiges Arbeitskräftepotenzial, auf das zurückgegriffen und das gezielt betriebsnah ausgebildet werden könnte. Diesen Ansatz erwähnt Herr Kramer nicht. Und auch in den öffentlichen Diskussionen, um Fachkräftemangel und Arbeitslosenstatistiken taucht diese Idee praktisch nie auf.

Ich möchte hier die These vertreten, dass Prinzipien und Logik der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik völlig ungeeignet sind, das Fachkräfteproblem zu bearbeiten. Die Arbeitsprinzipien der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik machen die Organisationen der Arbeitsverwaltung zu Verwaltern des status quo. Die Folge ist eine institutionelle Blindheit für Fachkräftepotenziale von Arbeitslosen und Langzeitarbeitslosen und deren Förderung.

Die zweiwertige Logik der aktivierenden Arbeitsverwaltung

Mit der Einführung der Agenda 2010 wurden Anfang des Jahrtausends die Ziele, Organisationsformen und Arbeitsweisen der Arbeitsverwaltung grundsätzlich neujustiert. Ein wesentliches Element der Reform war die Verschärfung der Zumutbarkeit von Arbeit. Sowohl im SGB III als auch im neugeschaffenen SGB II galt nun, dass Leistungsbeziehern jede Arbeit zugemutet werden kann, wenn Sie zur Überwindung oder wenigstens Verringerung des Bezugs von Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosengeld II beitrage. Aufgrund der schlechten Konjunktur und dem Mangel an Arbeitsplätzen sollte einerseits die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitslosen erhalten und andererseits deren grundsätzliche Arbeitsbereitschaft überprüft werden (Scherschel et al. 2012).

Mit der konsequenten Abkehr von der Logik einer qualifikationsangemessenen beruflichen Platzierung von Arbeitssuchenden wurde eine Dequalifizierungspolitik institutionalisiert, die zur systematischen Entwertung von Qualifikationen und Ignoranz gegenüber Interessen, Kompetenzen und Ressourcen führte. Diese Dequalifizierung betrifft interessanterweise nicht nur die Arbeitssuchenden, sondern auch die Arbeitsvermittler in den Arbeitsagenturen und Jobcentern (Hielscher/Ochs 2009: S. 118 ff.).  Die Berater arbeiten nach standardisierten Handlungsprogrammen unter Ausklammerung spezifischer Branchen- und Qualifikationskenntnisse. Die Qualität der Vermittlungsarbeit wird dabei an Kennziffern wie Aktivierungs- und Vermittlungsquoten gemessen, was die Flexibilität und Kreativität der Vermittlungspraxis sehr einschränke (Sowas, Staples 2014).

Mit der Einführung dieser neuen Prinzipien und Arbeitsweisen hat die aktivierende Arbeitsverwaltung zugleich eine konsequent zweiwertige Logik institutionalisiert, die Eigenschaften von Arbeitslosen unter Ausklammerung des Kontexts binär personalisiert. Dies wird an zentralen Begriffe der Sprache der Arbeitsverwaltung ersichtlich. Die zweiwertigen Zuschreibungen betreffen entweder die Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die grundsätzliche Motivation der Arbeitssuchenden. Das Begriffspaar Arbeitsmarktnähe-Arbeitsmarktferne ist beispielsweise ebenso dual angelegt wie die Adjektive vermittelbar und nicht-vermittelbar. Auch im Bereich der Beurteilung der Motivation der Arbeitssuchenden operieren die Fachkräfte in der Arbeitsverwaltung zumeist mit einer zweiwertigen Logik. Typische Varianten sind „Der will“ – „Der will nicht“ oder „Der bemüht sich“ – „Der hat keinen Bock“.

Mit dem Fehlen einer angemessenen Kontextualisierung von negativen Ereignissen geht die Tendenz einher, berufliche Einschränkungen zur generellen Chancenlosigkeit zu stilisieren und die Ablehnung eines konkreten Arbeitsangebots zu universeller Lustlosigkeit zu verallgemeinern. Im ersten Fall wird die Stagnation verewigt, im zweiten Fall die Faulheit zu einem festen Urteil über eine Person. Die Arbeitssuchenden müssen regelmäßig aktiviert werden, auch wenn keine konkreten Jobangebote oder andere Fortschrittsaussichten bestehen. Aufgrund fehlender Erfolgserlebnisse ist eine Problemhypnose bei Vermittlern („Mit dem ist nichts zu machen“) und Arbeitssuchenden („Für mich gibt es keinen Job“) häufig die Folge. Entwicklungsmöglichkeiten können dann von beiden Seiten nicht einmal mehr vorgestellt werden.

Fachkräftepotenziale von Langzeitarbeitslosen – ein Fallbeispiel

Für die Matchinglogik Arbeitsverwaltung ist die Sache klar: kann ein Arbeitssuchender eine Fachkräftestelle nicht besetzen, liegt dies an ein der fehlenden Passungen zwischen den Arbeitsplatzanforderungen und seinen Qualifikationen, Erfahrungen und Kompetenzen (Mismatch). Welche Gewinne würden sich dagegen für die Vermittlungspraxis ergeben, berücksichtige man die Kompetenzen, Ressourcen und Interessen der Arbeitssuchenden? Ich möchte hierzu ein kurzes Fallbeispiel geben.

Im Jobcoaching betreute ich einen fast sechsigjährigen Mann. Wir verständigten uns zunächst auf seine Ziele. Er strebte eine Tätigkeit als Maschinenführer (z.B. Lebensmittelproduktion) an. Bei der Analyse seines Werdegangs präsentierte sich sein Lebenslauf bei einem oberflächlichen Blick als ein typischer Maßnahmenlebenslauf. Nach seiner Übersiedlung nach Deutschland war der Mann mehr als zehn Jahre als Maschinenschlosser tätig. Anfang des Jahrtausends wurde er gekündigt und war anschließend mehrere Jahre in verschiedenen Maßnahmen am 2. Arbeitsmarkt tätig. Anschließend war er zwei Jahre als Werkzeugschleifer im Rahmen der Zeitarbeit beschäftigt. Während der vergangenen acht Jahre war er arbeitslos.

In unseren Gesprächen stellte sich zunehmend heraus, dass er sich für Maschinen sehr stark interessierte und viel von ihnen verstand. Ich fragte ihn, ob er sich die Arbeit mit neuen Maschinen zutraue und wie er den Umgang mit den Maschinen als Werkzeugschleifer erlernte? Er erzählte mir dann folgende Geschichte: „Ach, wissen Sie, diese Firma war wirklich gut. Ich hatte einen Vorarbeiter, der sehr nett war. Die Firma hatte für die Einarbeitung mit Auto-CAD zwei Wochen eingeplant, in denen ich unter Anleitung und enger Betreuung des Vorarbeiters das Programm kennenlernen sollte. Zur Hälfte des ersten Tages kam der Vorarbeiter zu mir und sagte: ‚Du machst das richtig gut. Mach mal alleine. Wenn es ein Problem gibt, kommst Du einfach zu mir.‘ Ich bin zwei Jahre über die Zeitarbeit in dieser Firma gewesen. Und es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht.“

Ich war verblüfft und begeistert zugleich. Dieser Mann war nach dieser Tätigkeit acht Jahre arbeitslos und niemandem war sein praktisch-technisches Talent aufgefallen. Zudem kam er zu jedem Termin mit mir pünktlich und absolut zuverlässig, obwohl er quer durch die Stadt fahren musste. Ich schlug ihm also vor, bei verschiedene Firmen für ein Praktikum zu werben. Er war einverstanden. Ich telefonierte mit vielen Firmen und warb dafür, meinen Kunden an einer Maschine zu testen. Nach einiger Überzeugungsarbeit meinerseits sagte schließlich eine Firma zu, ihn zu einem Gespräch einzuladen.

Der Termin kam letztlich nicht zustande, weil sich der Kunde gesundheitlich schwer verletzte. Aber ich bin sicher, dass er bei Gesundheit und einer angemessenen Test- und Einarbeitungsphase ein Gewinn für die interessierte Firmen geworden wäre, da in ihm ein entwicklungsfähiges Fachkräftepotenzial schlummerte, das bisher übersehen worden war.

Eine ernsthafte Kompetenzanalyse, ein klarer Plan, eine gute Gelegenheit zur Arbeitserprobung und ein Arbeitgeber, der Geduld hat und Zeit gewährt – das wäre die Rezeptur um Fachkräftepotenziale von vermeintlich abgeschriebenen Langzeitarbeitslosen gezielt zu entwickeln. Statt über Passung oder Nich-Passung zu urteilen bestünde die Aufgabe darin, einen Prozess der Anpassung zu gestalten – also „Fitting“ wie beim Shoppen statt „Matching“. Aktivierende Arbeitsmarktpolitik ist veraltet und der gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitsmarktsituation nicht mehr angemessen. Es wird eine Arbeitsmarktpolitik benötigt, die Menschen in enger Zusammenarbeit mit Betrieben (und bei Bedarf mit psychologisch-sozialpädagogischer Begleitung) gezielt entwickelt.

Bietet die Arbeitsverwaltung keine Gelegenheiten zu ernsthaftem Fortschritt, braucht man sich nicht wundern, wenn sich Arbeitssuchende, um ihre Würde zu wahren, auf radikalen Eigensinn im Privaten zurückziehen…

Literatur

Hielscher, Volker; Ochs, Peter (2009): Arbeitslose als Kunden? Beratungsgespräche in der Arbeitsvermittlung ziwschen Druck und Dialog. Berlin

Scherschel, Karin; Booth, Melanie (2012): Aktivierung in die Prekarität: Folgen der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland. In: Scherschel, Karin; Streckeisen, Peter; Krenn, Manfred (Hrsg.): Neue Prekarität. Die Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik – europäische Länder im Vergleich. Frankfurt, S. 17-46

Sowa, Frank; Staples, Ronald (2014): Accounting in der Arbeitsverwaltung: Vermittlungsfachkräfte zwischen Steuerungsimperativen und autonomem Vermittlungs-handeln. In: Zeitschrift für Sozialreform (ZSR), Jg. 60 (2), S. 149-173

Wenn Dienstag Montag ist…

8.04 Uhr. Frau S. kommt zügig zur Tür herein. Sie ist knapp fünf Minuten zu spät. Eine zarte Note von kaltem Rauch zieht zu mir herüber. Die Augen von Frau S. sind rot. Sie wirkt müde.
„Alles ok? Hatten Sie einen schlechten Tag in die Woche?“
„Ja, hatte ick. Hab einfach wenig geschlafen. Naja, es is ja Montag. Da jeht’s immer ein bisschen schwer.“
„Es ist Dienstag“, sage ich.
„Oh“, erwidert sie nur und zuckt mit den Achseln.

Später im Gespräch stelle ich ihr ein Stellenangebot einer Bäckerei vor. Ich weise sie auf die türkisch-arabischen Namen der Inhaber hin und frage sie, was sie davon halte.

„Ich bin nicht ausländerfeindlich, aber das kann ick mir nicht vorstellen.“

Da ist es, das Aber, jenes Aber, das es in der Fluchtdebatte zu großer Popularität gebracht hat. Die Merkwürdigkeit dieses Abers besteht darin, dass es eine Rechtfertigung vornimmt, während das Gerechtfertigte unbestimmt bleibt. Man kennt diese Form. „Ich bin kein Nazi, aber das geht doch nicht mit den ganzen Flüchtlingen. Wir schaffen das nicht“. Frau S. bemerkt diesen Widerspruch nicht. Macht aber auch nichts. Es gibt ja noch andere Bäckereien, die nach deutschen Kassierinnen suchen. Die akzeptieren allerdings weder Achselzucken, noch Entschuldigungen oder gar Rechtfertigungen, wenn Montag Dienstag ist.

Die Privilegierten und die Unprivilegierten haben etwas gemeinsam. Es ist das Privileg, sich der normierten Zeit zu entziehen. Für die Ersten bedeutet es Freiheit, für die Letzteren Elend und Entwürdigung.

Im übrigen findet Frau S. sehr schnell eine Bäckerei, die sie anstellt. Frau S.’ zuvor aufgenommene Tätigkeit bei einer Bäckerei endete während der Probezeit, da sie sich ein Bein brach und deshalb nach vierzehn Tagen gekündigt wurde. Jetzt will sie sich bei der gleichen Bäckerei in einer anderen Filiale bewerben. Frau S. hat dazu eine Frage: „Is dit nich besser, die kurze Tätigkeit lieber nich zu erwähnen? Der Arbeitjeber fracht sich doch, warum ick da nur so kurz jearbeitet hab. Dat is nicht jut.“ Ich beruhige sie und frage sie, inwiefern sie die Arbeit gern gemacht hat und ob sie gerne wieder bei der gleichen Firma arbeiten würde. Frau S. bejaht dies. Ich schlage ihr vor, die letzte Bäckereitätigkeit in den Lebenslauf aufzunehmen, um anzuzeigen, dass man sie schon einmal für kompetent befunden hat. Zudem empfehle ich bei möglichen Nachfragen des Arbeitgebers offen über die unglückliche Krankheit zu sprechen und das Interesse an einer neuen Tätigkeit zu betonen. Frau S. ist einverstanden. Wir benötigen kein Arbeitsbündnis. Sie setzt mich als ihr Sekretär ein und das ist in Ordnung. Wir überarbeiten also Lebenslauf und Anschreiben und verschicken die Bewerbung. Eine Woche später hat Frau S. den Job. Ob sie glücklich ist, weiß ich nicht. Mein Auftrag ist jedenfalls erfüllt. So einfach ist das manchmal. Bei Frau S. ist jetzt Montag Montag.

„Sie machen ja schon wieder Urlaub“

Heute in der Supervisionssitzung wurde von einer Kollegin ein Thema eingebracht, dass alle Professionellen im Beratungs- und Therapiekontext kennen. Ein Klient macht eine eher negativ konnotierte Bemerkung über den Urlaub des Beraters oder Therapeuten. Eine solche Bemerkung kann in verschiedenen Formen daher kommen. Etwa als flapsig, provokative Bemerkung „Sie machen ja schon wieder Urlaub“, oder als Kritik über mangelnde Präsenz gegenüber einer Vertretung oder in einer Hilfekonferenz. Wie man damit professionell umgeht, hängt vor allem von der Deutung der Aussage des Klienten ab.

Ich möchte drei Deutungen und mögliche Reaktionen beispielhaft diskutieren:

Die flapsige Bemerkung über den wiederholten Urlaub des Beraters oder Therapeuten kann erstens als Provokation gedeutet werden. Interpretieren wir die Aussage gar als Angriff, weil wir uns aufgrund einer intensiven Arbeitsperiode nach unserem wohlverdienten Urlaub sehnen, laufen wir Gefahr, uns zu ärgern und in eine Art Rechtfertigungszwang zu geraten und glauben unser Recht auf Urlaub begründen zu müssen. Mit dieser Reaktion geht die Tendenz einer Entgrenzung der Kommunikation einher, insofern wir mit der Rechtfertigung unserem Klienten die Möglichkeit zusprechen, uns den Urlaub abzusprechen. Sinnvoller kann es hier einfach sein mit Lockerheit zu reagieren und etwa die Selbstverständlichkeit und Wichtigkeit von Urlaub zu markieren. „Na, klar, mache ich Urlaub und danach bin ich richtig erholt.“

Die Bemerkung des Klienten lässt sich zweitens als Kritik und Hilferuf interpretieren: „Sie sind ja nicht für mich da.“ Unabhängig von der Berechtigung dieser Kritik, drückt sich darin eine Gleichsetzung der Hilfe mit uns als Helfer durch den Klienten aus. Spüren wir diese Abhängigkeit unserer Klienten, bekommen wir unter Umständen ein schlechtes Gewissen. Häufig drücken Klienten mit dieser Äußerung, auf Enttäuschung basierende, bestätigende Erwartungen aus oder sie versuchen sich ihrer Eigenverantwortung durch äußere Personalisierung zu entledigen („Schuld sind die anderen“). Eine sinnvolle Reaktionsweise kann deshalb Versachlichung und Fokussierung auf den Auftrag sein: „Ich bin ja bald wieder da. Was denken Sie, was könnten Sie in der Zwischenzeit tun? Zudem kümmert sich meine Kollege um Sie. Rufen Sie ihn an, wenn es ein Problem gibt.“ Manchmal richten Klienten ihre Klage auch an die Vertretung: „Der kümmert sich gar nicht um mich.“ Statt diese „Einladung zur Spaltung“ (von Schlippe; Schweitzer 2015: S. 143) anzunehmen, bieten sich auch hier die Versachlichung und Fokussierung auf Aufgaben gepaart mit einem Unterstützungsangebot als Strategie an: „Nehmen wir an, mein Kollege wäre da, woran würden Sie mit ihm arbeiten wollen? Dabei kann ich ihnen gerne helfen.“

In der Bemerkung „Sie machen schon wieder Urlaub“ kann sich drittens einfach ein berechtigter Ausdruck von Neid äußern. Fragten wir nach, könnten wir vom Klienten vielleicht folgendes erfahren: „Sie können es sich leisten. Haben Sie es gut. Ich bin dagegen immer hier.“ In dieser Schilderung äußert sich jedoch nicht nur Neid über die schöneren Urlaubsgöglichkeiten des Beraters. Der Klient macht damit auch kenntlich, dass er sich der großen Unterschiedlichkeit der Welten des Beraters und des Klienten, ihren differenten Mitteln, Chancen und Horizonten völlig bewusst ist. Es ist als würde der Klient feststellen: „Sie leben so. Und ich lebe eben so. Sie leben gut. Ich lebe begrenzt.“ Das ist ein wichtiger Hinweis für Beratende, denn es erinnert an die anderen, häufig deutlich beschränkteren, Möglichkeiten, über die Klienten verfügen, an das Möglichkeitsgefälle das in der professionellen Beziehung unter Umständen besteht. Darauf kann man reagieren, in dem man den Klienten zu seinen realistischen und erreichbaren Wünschen befragt und zu ersten Schritten ermutigt: „Was wäre denn ein guter Urlaub für Sie? Was müssten sie dafür tun?“

Die nur scheinbar harmlose Bemerkung eines Klienten „Sie machen ja schon wieder Urlaub“ fordert uns je nach Deutung zu einer angemessenen Reaktionsweise heraus. Versteht man die Äußerung als freche Äußerung kann darauf mit Lockerheit und Lässigkeit reagiert werden, statt sich auf Kampf und Rechtfertigung einzulassen. Interpretieren wir die Bemerkung als Kritik und Hilferuf bieten sich Versachlichung und Lösungsorientierung als Reaktion an. Wird die Äußerung als Ausdruck von Neid und des Bewusstseins eines Möglichkeitsgefälles gedeutet, können die Wünsche des Klienten thematisiert und bearbeitet werden.

Insbesondere dieser letzte Fall ist von herausragender Bedeutung in der Beratung mit Klienten, die über wenig Ressourcen und Kompetenzen verfügen. Wegen der Fokussierung auf Ressourcen und ihrer Aktivierung gibt es die Tendenz, Ressourcen zu betonen und ggf. zu überhöhen, die nicht wirklich vorhanden sind oder jedenfalls nicht genutzt werden können. Dann ist die Aufgabe des Beraters zur Beförderung der Bedingungen zur Nutzung vorhandener Ressourcen beizutragen. Das ist zumeist eine schwere Geburt und harte Arbeit.

Literatur:

Von Schlippe, Arist; Schweitzer, Jochen (2015): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen.